Visionen & Taten
Artikel vom 15.06.2010
Visionen & Taten
von Ilja Seifert
Lethargie lähmt das Land. Wie Mehltau befällt sie alles Lebendige. Scheinbar widerstandslos überspringt sie Staatengrenzen und soziale Schichten. Sie tarnt sich mit geschäftiger Betriebsamkeit. Sie erstickt jede wirkliche Tat.
Die westliche Welt – und auch der von uns überschaubare Teil davon – steckt in der tiefsten und breitesten Krise seit Jahrzehnten. Jede Talk-Show, die nicht ausschließlich rumblödelt, beschwört die Apokalypse herauf. Auch im Bundestag klingen solche Töne an. Zumindest den Kollaps. Des Finanzsystems. Des €uro. Aller sozialer Sicherungssysteme.
Das ängstigt besonders all diejenigen, die auf gesellschaftliche Solidarität angewiesen sind, die auf ihr Funktionieren vertrauen (müssen).
Und was tun zu viele der „Promis“, die da talken? Wenn sie Banker sind, versprechen sie höhere Renditen. Wenn sie Berufstalker sind, versprechen sie immer neue Shows, Events & Partys. Wenn sie Regierungspolitiker sind, versprechen sie – gar nichts oder alles. Und alle sagen, daß ihr Nichts-Tun – bzw. ihr wildgewordenes Auf-der-Stelle-Treten – alternativlos sei. Die wenigsten dieser Sendungen & Debatten dienen noch der Information, kaum eine vermittelt noch wissensbasierte Meinung. Sie gerieren sich immer mehr als bloße Unterhaltung. Ihr Zweck ist Selbstinszenierung. Sie bekämpfen den Mehltau nicht. Sie sehen ihn nicht einmal. Kein Wunder, denn: Sie sind der Mehltau. Sie sind die personifizierte Lethargie.
Talk-Shows: die personifizierte Lethargie
Sie sind saturiert, träge und einfallslos. Und täuschen uns, das staunende Publikum, durch Lautstärke, Kraftmeierei und immer neue Varianten ihrer längst abgedudelten Melodien. Nur keine neue Idee! Nur keine Vision! Nur keine Veränderung! Denn das würde ja einiges kosten – z.B. den eigenen Status als „Promi“.
Dabei täte Veränderung so Not. Dabei bräuchten wir nichts dringender als neue Ideen. Dabei fehlt uns nichts mehr als eine weittragende Vision, für die einzusetzen sich lohnt.
Steht also die Frage: Gibt es vielleicht nichts Visionäres? Sind wir womöglich dem Schicksal unausweichlich ausgeliefert? Bleibt uns wirklich nichts anderes, als sehenden Auges auf falschen Wegen weiterzutraben? Kurz vor dem Abgrund talkend & pfeifend auch die letzten Schritte zu gehen?
Und es steht die Frage: Gibt es keine Kraft, die umsteuern könnte? Kann wirklich niemand etwas tun? Fehlt es uns, der Menschheit, an Kompetenz? An geistiger, sozialer, ökonomischer, an menschlicher Kompetenz. Oder fehlt es an Kompetenten? Woher sollen die Akteure von Veränderungen kommen? Wer sollen diese Akteure sein? Gibt es in dieser interessendurchsetzenden Gesellschaft überhaupt Kräfte, die klassen-, schichten, alters-, religions- und/oder ethnienübergreifende Aspekte in den Vordergrund politischen Handelns stellen können?
Menschen mit Behinderungen: Akteure von Veränderung
Dieser Artikel erscheint in einer Behindertenzeitung. Ist das der Ort, an dem diese Kompetenzen zu suchen, solche Kompetenten zu finden sind? Übernehme ich mich nicht, wenn ich hier grundlegende Menschheitsprobleme diskutiere? Ich meine: Nein. Denn ich weiß, daß es kaum etwas praktischeres gibt als eine gute Theorie. Und da Behinderungen weder vor dem sozialen Status noch vor der weltanschaulichen Orientierung noch vor der ethnischen Herkunft noch vor dem Alter noch vor anderen Merkmalen großer gesellschaftlicher Gruppen Halt machen, meine ich auch, daß hier wirklich humanistisches Handeln im Interessen der Gesamtgesellschaft nahe liegt.
Solange es an anderen Visionen fehlt, halte ich mich an die, die ich kenne. Und ich meine, mit der UN-Behindertenrechtskonvention halten wir ein Dokument in der Hand, das die (scheinbare) Leere zu füllen geeignet ist. Ich verlange also gar nicht unbedingt, daß etwas völlig Neues erfunden werden muß. Mir ist daran gelegen, vorhandene Ressourcen zu nutzen. In diesem Falle eine internationale Vereinbarung. Eine Konkretisierung der Allgemeinen Menschenrechte, in der ich ein Nutzen-für-alle-Konzept sehe.
An dieser Stelle gebe ich – im Widerspruch zum gerade Gesagten – gern zu, daß die BERLINER BEHINDERTENZEITUNG (BBZ), in der ich diese Überlegungen veröffentliche, nur bedingt das geeignete Medium ist: Es eignet sich zur Selbstverständigung der unmittelbar Betroffenen, die mit der Behindertenrechtskonvention – und der dahinterstehenden Vision vom Segen der Vielfältigkeit – zuerst gemeint sind: Wir Frauen und Männer, Kinder, Jugendliche und Alte, die mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in aller Öffentlichkeit leben. Wir gestalten unser Da-Sein, unser Dazugehörig-Sein, unser So-Sein immer selbstbewußter. Manchmal müssen & werden wir provozieren. Manchmal müssen & werden wir Kompromisse eingehen. Manchmal müssen & werden wir uns streiten. Untereinander und mit allen Anderen.
Aber immer unterbreiten wir auch Vorschläge. Immer bringen wir unsere spezifischen Erfahrungen ein. Immer müssen/können/werden wir unsere Kompetenzen erweitern. Die sozialen und die theoretischen, die des Alltags und die der Veränderung.
Behindert-Sein: eines von vielen Merkmalen
Unser Behindert-Sein ist kein erstrebenswerter Zustand. Es ist aber auch kein Grund zum Lamentieren. Unser Behindert-Sein ist eines von vielen Merkmalen unserer Individualität. Und es ist einer der Gründe, warum wir ein etwas größeres Maß an sozialer Kompetenz anzusammeln haben, als Leute, die viel seltener auf fremde Hilfe angewiesen sind. Das macht uns beileibe nicht zu „besseren Menschen“. Aber es macht uns ein bißchen erfahrener.
Gegen das Behindert-Werden haben wir gelernt, uns zu wehren. Wir haben gelernt, Barrieren nicht als gottgegeben hinzunehmen. Wir haben gelernt, sie zu erkennen, ihre Hinderlichkeit zu benennen und ihre Beseitigung anzuregen. Barrieren aller Art. Bauliche und kommunikative. Nicht zuletzt Barrieren in den Köpfen.
Und das Wunderbare daran ist, daß sich zeigt, Barrierenbeseitigung ist vorteilhaft auch für diejenigen, die sich gar nicht als behindert betrachten. Inzwischen reift durchaus die Erkenntnis, daß Barrierenvermeidung erst recht geeignet ist, allen Menschen das Leben angenehmer zu gestalten. Ist das nicht toll?
Das Menschenbild der Behindertenrechtskonvention von 2006 geht davon aus, daß Behinderungen kein medizinisches Problem sind. Wir müssen nicht ständig behandelt, nicht „repariert“ werden. Die Behinderungen sind Teil unserer Individualität. Sie beeinflussen unsere Persönlichkeit. Behinderungen sind auch kein Problem, das vorwiegend im Sozialamt gelöst werden könnte. Sie sollen unsere Persönlichkeit nicht beherrschen. Behinderungen sind Menschenrechtsfragen. Es geht darum, alle Facetten unserer Persönlichkeit frei entfalten zu können. Wer möchte das nicht?
Hier stößt die Veröffentlichung in der BBZ an eine harte Grenze: Eigentlich müßten gerade diejenigen von der visionären Kraft einer Ethik der Vielfalt überzeugt werden, die mit dieser Selbsthilfe-Zeitung nicht erreicht werden. Doch, wer weiß? Vielleicht findet die Vielfalts-Ethik auf listige Weise Wege zu ihnen? Mag sein, daß hier nur ein winziges Visiönchen mitschwingt. List ist eine der Stärken von „Schwachen“. Nie die Hoffnung aufgeben! Es geht eben nicht um „Sonder“-Interessen von „Behinderten“.
Was also könnte an einer UN-Konvention so visionär sein, daß sie geeignet wäre, der um sich greifenden Lethargie zu begegnen? Wie sollten wir mit einem Konzept, das auf den ersten Blick „nur“ Menschen mit Behinderungen umfassende Teilhabe ermöglichen will/soll, den Mehltau hinwegfegen, der Land & Leute lähmt? Was haben wir der nichtssagenden Geschwätzigkeit, in der „Haltungsnoten“ wichtiger als Inhalte sind, entgegenzusetzen? Wessen Interessen werden dort eigentlich vertreten? Wie läßt sich tatenlose Geschäftigkeit überwinden, in der Selbstdarstellung vor Problemlösung steht? Wie sollen wir, die strukturell zu den „Schwächsten der Gesellschaft“ zählen, den neunmalklugen Medienprofis wirkungsvoll Paroli bieten?
Strukturelle Schwäche: ein Vorzug
Vielleicht können wir unsere „Schwäche“ ja auch in einen Vorzug wandeln? Vielleicht sind wir, eben weil wir häufiger auf fremde Hilfe angewiesen sind, ein bißchen stärker davor gefeit, uns zu überschätzen? Vielleicht bringt uns der Zwang, eng mit anderen Menschen – Assistentinnen und Assistenten – zu kooperieren, das zusätzliche Quentchen an sozialer Kompetenz, das ausreicht, gruppenegoistische Ziele zugunsten gesamtgesellschaftlichen Handelns zu überwinden?
Denn es geht um Taten. Um gesellschaftliches Tun. Gerede allein bringt niemanden voran. Die aktuellen Krisen zeigen die Grenzen des kapitalistischen Verwertungssystems auf. Aber sie überwinden sie (noch) nicht.
Die Konvention kann weitgehend innerhalb des bestehenden Systems umgesetzt werden. Sie ist in Deutschland seit fast anderthalb Jahren Gesetz. Getan wurde bisher so gut wie nichts. Dabei ist ihre Grundphilosophie dem Würde-Konzept des Grundgesetzes sehr verwandt. Es geht darum, auch Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen – seien sie körperlicher, psychischer, geistiger oder von der Art der Sinnesbeeinträchtigung bzw. chronischer oder erblicher Erkrankungen – jederzeit die volle Teilhabe am Gemeinschaftsleben zu ermöglichen. Das setzt umfassende Persönlichkeitsentfaltung voraus. Man sollte also meinen, daß alle gesetzgeberische Kraft – und auch die publizistische Begleitung – auf eine rasche Umsetzung ausgerichtet wäre. Zumal die Staaten mit ihrem Beitritt zur Konvention anerkennen, daß nicht die Menschen mit Beeinträchtigungen sich der Umwelt anzupassen haben, sondern umgekehrt, die Regierungen sich verpflichten, Bedingungen zu schaffen, die eben diese „volle Teilhabe“ ermöglichen.
Was „volle Teilhabe“ ist, bestimmen wir selbst. Das dürfen wir nicht diesen „Promis“ überlassen.
Taten werden gebraucht. Keine Ausflüchte. Ein Umsetzungsplan kann hilfreich sein. Er muß kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen umreißen, Verantwortlichkeiten festlegen sowie Ressourcen bereitstellen. Die Erarbeitung eines solchen Plans darf aber nicht zur Verzögerung von Sofortmaßnahmen mißbraucht werden. Eine solche wäre die umfassende Bekanntmachung der Konvention, ihrer Inhalte & Ziele sowie der ihr zu Grunde liegenden Nutzen-für-alle-Strategie. Stattdessen „überlegte“ die Regierung erst einmal ein Jahr lang, ob ein solches Umsetzungskonzept überhaupt gebraucht würde. Diese Verzögerungstaktik ist Ausdruck der Lethargie, die uns lähmt.
Anstatt die Betroffenen – sie machen immerhin rund ein Zehntel der Bevölkerung aus – durch verantwortungsloses Geschwätz zu ängstigen, sollten lieber ihre Fähigkeiten aktiviert werden. Gemeinsam können wir den Mehltau beseitigen. Das hülfe allen. Und da wir, die Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen, die wir stärker auf fremde Hilfe, auf Solidarität, auf Assistenz angewiesen sind, uns nicht zu den „Rettern der Menschheit“ aufschwingen, uns nicht zur „Elite“ erklären, könnte gerade unsere Erfahrung, unser Expertenwissen in eigener Sache, unsere soziale Kompetenz eine der entscheidenden Triebkräfte sein, um die (Sinn)Krise zu überwinden. Wir haben große Erfahrung, verschiedene Fähigkeiten zu bündeln. Wir leben tagtäglich damit, (zwischenmenschliche) Konflikte zu entschärfen. Wer auf fremde Hilfe angewiesen ist, muß mit seinen Helfern auch in Krisensituationen auskommen. Wir verfügen über Kompetenzen, die allerorten dringend gebraucht werden. Nutzt sie!
Vorabveröffentlichung, erscheint in der Berliner Behintertenzeitung (BBZ) Nr. 6/7, Juni 2010
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